Sind Geschichten Realitätsflucht?

Geschichten sind keine realitätsgetreuen Aufnahmen aus der Wirklichkeit. Sind sie also dazu da, dass wir der Realität entfliehen können? Ein bisschen schon – doch hauptsächlich sind sie dazu da, dass wir uns so richtig in die Realität stürzen.

Bilden Geschichten das echte Leben ab? Nein, natürlich nicht, das weiss man doch. Und das liegt nicht nur daran, dass sie vieles erfinden. Nur schon aus Zeitgründen sind sie der Realität nicht im Massstab 1:1 treu: Niemand kann oder will die Zeit aufbringen, wirklich absolut jedes Ereignis zu erfahren, jedes einzelne Gespräch zu hören, jedes einzelne Wesen zu sehen, das es von der Erschaffung von Mittelerde durch Eru Ilúvatar bis zu Frodos Reise nach Valinor und darüber hinaus gab.

Damit wir uns für Geschichten interessieren, sollten sie nicht nur eine Länge haben, die gut in einen menschlichen Alltag passt (oder wie Serien in Teile angemessener Länge unterteilt sein), sondern auch eine möglichst konstante hohe Bedeutsamkeit besitzen. So unterscheiden sie sich auf verschiedene Art und Weise vom echten Leben.

Geschichten vs. Realität

Stellen wir uns Frodos Leben als reales Leben vor, so geschahen ihm enorm viele Dinge. Bei Weitem nicht alles davon wäre gut geeignet dafür, eine Geschichte zu erzählen, die jemand wirklich hören will. Ein guter Autor baut eine Geschichte aus einem Guss und wählt sämtliche Geschehnisse, Personen und Gegenstände dafür so aus und gestaltet sie so, dass jedes einzelne Element der Geschichte auf entscheidende Weise Tiefe, Charakter, Kohärenz, Spannung oder anderes verleiht. Denn dann entsteht eine Geschichte, die Menschen wirklich hören wollen.

Insofern sind Geschichten tatsächlich Realitätsflucht: Sie sind nicht nur meist fiktiv, sondern sehr selektiv und haben eine massiv höhere Bedeutungsdichte als unsere chaotischen Leben; jedes Element in ihnen spielt eine wichtige bis unverzichtbare Rolle und die Gegenstände, Orte, Geschehnisse und Dialoge sind oft künstlerisch ausgeschmückt, in Magie getränkt, mit Symbolismus versehen. Wenn dem nicht so ist, unterscheidet sich eine Geschichte zu wenig von einer ungeschnittenen Videoaufnahme aus dem Leben, und dafür würde niemand ein Kinoticket kaufen. Aber warum eigentlich nicht?

Weil das echte Leben – besonders das in der modernen westlichen Welt – förmlich vor lauter Gegenständen, Informationen, Charakteren, Ereignissen, Aussagen und so weiter sprudelt. Deswegen spielen Geschichten auch so häufig in der Vergangenheit, die eine ablenkungsfreiere Bühne bot. Es ist heutzutage leichter denn je, die Dinge aus den Augen zu verlieren, die wirklich zählen. In guten Geschichten hingegen zählt alles. Und sie haben im Gegensatz zum echten Leben meist ein klar verortbares Happy End.

Ist damit alles gesagt? Wären Geschichten nichts weiter als Realitätsflucht, dann müssten wir sie fast schon betrachten wie zweifelhafte Drogen. Das tun wir aber zu Recht nicht.

Die tiefsten Wahrheiten

Jeder Storyteller, der sein Handwerk studiert hat, weiss: Der Lebenssaft einer Geschichte ist der Konflikt. Doch warum ist das so? Wenn Geschichten reine Realitätsflucht sind, warum haben sie dann lediglich ein Happy End (manchmal nicht einmal das) und bestehen nicht von A bis Z nur aus Friede, Freude und Eierkuchen? Warum wollen wir die Probleme, das Leid und den Schmerz, vor denen wir flüchten wollen, unbedingt in unserer Traumwelt haben?

Weil Geschichten eben nicht blosse Realitätsflucht sind, sondern uns auf das Leben in der echten Welt vorbereiten sollen. Das, was wir als Unterhaltung empfinden, ist zu einem gewichtigen Teil die positive Reaktion unserer Psyche, die weiss, dass sie aus Geschichten Wertvolles über das echte Leben lernen kann.

Sicher: Geschichten zeigen uns unwirkliche Welten, übernatürliche Fähigkeiten, paradiesische Happy Ends. Gute Geschichten allerdings stellen dies immer üblen Welten, Schwächen und Gefahren gegenüber. Die Dinge, die erworben werden, haben ihren Preis. Das Happy End ist bis zuletzt in Gefahr. Die Helden müssen Dinge opfern, dazulernen, sich behaupten. Manchmal brauchen sie auch Glück. Doch dass sie sich der Gefahr stellen und zu allem bereit sind, ist der einzige Weg, das zu erreichen, was sie sich wünschen. In der echten Welt gibt es nicht immer ein Happy End – aber die Happy Ends, die es gibt, werden häufig durch heldenhaftes Handeln ermöglicht.

Warum packt uns eine Geschichte ohne jegliche Konflikte oder mit schwachen Pseudo-Konflikten nicht? Weil wir wissen, dass das echte Leben voller ernsthafter Konflikte und grosser Probleme ist. Und so lässt sich am Ende eben doch sagen, dass Geschichten – wenn sie gut sind – das echte Leben abbilden: nicht, indem sie es 1:1 dokumentieren, sondern indem sie das, was wir Menschen darüber am dringendsten wissen müssen, auf den Punkt bringen.

Gute Geschichten kondensieren die Essenz des wahrlich erfolgreichen Lebens auf repräsentative Weise und schlagen implizit einen Weg dazu vor, wie wir das Leben meistern könnten. Sie bilden fundamentale Wahrheiten ab und sagen uns im Idealfall durch die Blume – durch eine ausgesprochen hübsche Blume – die Wahrheit darüber, wie das Leben ist und wie wir damit umgehen sollten.

Kopfsprung in die Realität

Denken wir zum Vergleich kurz über Erinnerungen nach: Was ist eine Erinnerung? Ist sie eine 1:1-Videoaufnahme unserer Vergangenheit? Nein: Erinnerungen sind konzentrierte, bedeutsame Ausschnitte aus der Vergangenheit, eingekleidet in unsere Annahmen und Bewertungen über das, was früher war. Und sofern man bei Erinnerungen von einem Zweck sprechen kann, besteht dieser darin, uns zu sagen, was wir in Zukunft anstreben und vermeiden sollten. Ganz ähnlich verhält es sich mit Geschichten.

Geschichten sind zwar auf gewisse Weise eine Flucht aus der Realität, aber in einer viel bedeutendere Weise ein Kopfsprung mitten in die Realität hinein – in die tiefsten und wichtigsten Wahrheiten über das menschliche Leben und das, was darin wirklich zählt, worauf wir unsere Aufmerksamkeit, unsere Energie und unsere Hoffnung richten sollten.

Und entsprechend verpasst man den Sinn von Geschichten, wenn man in ihnen stecken bleibt und in sie hinein vor der Realität fliehen will. Geschichten sollen uns dazu animieren, zu überlegen, was unser Happy End sein könnte, uns zum Aufbruch in Richtung dieses Ziels zu entschliessen und unterwegs heldenhaft den Hürden zu trotzen, die uns erwarten.

Die wundervollen Gefühle, die Geschichten in uns auslösen, sind nicht als betäubende Drogen gedacht, sondern als Werkzeuge, als Hilfsmittel und Antrieb. Versuchen wir, entsprechend mit ihnen umzugehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert